Benjamin, Walter ~ Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

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“Das Kunstwerk ist grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen. Was Menschen gemacht hatten, das konnte immer von Menschen nachgemacht werden.”

“Dem gegenüber ist die technische Reproduktion des Kunstwerkes etwas Neues, das sich in der Geschichte intermittierend, in weit auseinanderliegenden Schüben, aber mit wachsender Intensität durchsetzt.”

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“Noch bei der höchstvollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des Kunstwerks – sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet.”

“Das Hier und Jetzt des Originals macht den Begriff seiner Echtheit aus.”

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“[…] was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.”

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“Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung.”

“Tagtäglich macht sich unabweisbarer das Bedürfnis geltend, des Gegenstands aus nächster Nähe im Bild, vielmehr im Abbild, in der Reproduktion, habhaft zu werden.”
Jeder will alles haben.

“Die Ausrichtung der Realität auf die Massen und der Massen auf sie ist ein Vorgang von unbegrenzter Tragweite sowohl für das Denken wie für die Anschauung.”

7f
Das reproduzierte Kunstwerk wird in immer steigendem Maße die Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerks. Von der photographischen Platte z. B. ist eine Vielheit von Abzügen möglich; die Frage nach dem echten Abzug hat keinen Sinn. In dem Augenblick aber, da der Maßstab der Echtheit an der Kunstproduktion versagt, hat sich auch die gesamte soziale Funktion der Kunst umgewälzt. An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf eine andere Praxis: nämlich ihre Fundierung auf Politik.”

Definition von “Aura”: “[…] einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag”.

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“Die Rezeption von Kunstwerken erfolgt mit verschiedenen Akzenten, unter denen sich zwei polare herausheben. Der eine dieser Akzente liegt auf dem Kultwert, der andere auf dem Ausstellungswert des Kunstwerkes.”
Kunst soll helfen entweder:
1. etwas zu verehren, oder
2. sich selbst zu verkaufen.

“Mit den verschiedenen Methoden technischer Reproduktion des Kunstwerks ist dessen Ausstellbarkeit in so gewaltigem Maß gewachsen, daß die quantitative Verschiebung zwischen seinen beiden Polen ähnlich wie in der Urzeit in eine qualitative Veränderung seiner Natur umschlägt.”
Früher: Kunst absolut Kult
Heute: Kunst absolut verkaufbar

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“Im flüchtigen Ausdruck eines Menschengesichts winkt aus den frühen Photographien die Aura zum letzten Mal.”

“Wo aber der Mensch aus der Photographie sich zurückzieht, da tritt erstmals der Ausstellungswert dem Kultwert überlegen entgegen.”

Im Film erscheint die Auffassung von jedem einzelnen Bild durch die Folge aller vorangegangenen vorgeschrieben.

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“Da sind wir denn, infolge einer höchst merkwürdigen Rückkehr ins Dagewesene, wieder auf der Ausdrucksebene der Ägypter angelangt … Die Bildersprache ist noch nicht zur Reife gediehen, weil unsere Augen ihr noch nicht gewachsen sind.”

“Es ist sehr lehrreich zu sehen, wie das Bestreben, den Film der “Kunst” zuzuschlagen, diese Theoretiker nötigt, mit einer Rücksichtslosigkeit ohnegleichen kultische Elemente in ihn hineinzuinterpretieren.”

“Der Film hat seinen wahren Sinn, seine wirklichen Möglichkeiten noch nicht erfaßt … Sie bestehen in seinem einzigartigen Vermögen, mit natürlichen Mitteln und mit unvergleichlicher Überzeugungskraft das Feenhafte, Wunderbare, übernatürliche zum Ausdruck zu bringen.”

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Der Filmdarsteller büßt, “[…] da er nicht selbst seine Leistung dem Publikum präsentiert, die dem Bühnenschauspieler vorbehaltene Möglichkeit ein […], die Leistung während der Darbietung dem Publikum anzupassen.”

“Das Publikum fühlt sich in den Darsteller nur ein, indem es sich in den Apparat einfühlt.”

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“Die kleine Apparatur wird mit seinem Schatten vor dem Publikum spielen; und er selbst muß sich begnügen, vor ihr zu spielen.”

“[…] zum ersten Mal – und das ist das Werk des Films – kommt der Mensch in die Lage, zwar mit seiner gesamten lebendigen Person aber unter Verzicht auf deren Aura wirken zu müssen. Denn die Aura ist an sein Hier und jetzt gebunden. Es gibt kein Abbild von ihr.”

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“Solange das Filmkapital den Ton angibt, läßt sich dem heutigen Film im allgemeinen kein anderes revolutionäres Verdienst zuschreiben, als eine revolutionäre Kritik der überkommenen Vorstellungen von Kunst zu befördern.”

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“Damit ist die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum im Begriff, ihren grundsätzlichen Charakter zu verlieren. Sie wird eine funktionelle, von Fall zu Fall so oder anders verlaufende. Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden.

“Es ergibt sich also, daß in allen Künsten, sowohl absolut wie verhältnismäßig gesprochen, die Produktion von Abhub größer ist als sie es früher war; und so muß es bleiben, so lange die Leute fortfahren so wie derzeit einen unverhältnismäßig großen Konsum an Lese , Bild und Hörstoff zu üben.”

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“Das des Malers ist ein totales, das des Kameramanns ein vielfältig zerstückeltes, dessen Teile sich nach einem neuen Gesetze zusammen finden.”
Der Maler versucht die Gesamtheit in einem Bild festzuhalten, der Kameramann versucht die Gesamtheit aus vielen Einzelaufnahmen/Schnitten/Szenen zusammenzusetzen.
Machen Kameramänner es sich einfach?
Könnten sie wie Maler arbeiten (mehr Inhalt pro Aufnahme)?

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“Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.”

“Das Kunstwerk hat Wert nur insofern als es von Reflexen der Zukunft durchzittert wird.”

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“Die Masse ist eine matrix, aus der gegenwärtig alles gewohnte Verhalten Kunstwerken gegenüber neugeboren hervorgeht.”

“Man sieht, es ist im Grunde die alte Klage, daß die Massen Zerstreuung suchen, die Kunst aber vom Betrachter Sammlung verlangt.”

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“[…] die begutachtende Haltung [schließt] im Kino Aufmerksamkeit nicht [ein]. Das Publikum ist ein Examinator, doch ein zerstreuter.”

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“Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg.”

“Das heißt, daß Massenbewegungen, und so auch der Krieg, eine der Apparatur besonders entgegenkommende Form des menschlichen Verhaltens darstellen.”

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“Das ist offenbar die Vollendung des l’art pour l’art. Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt.”

About the author

Woitek Konzal

Producer, Consultant, Lecturer & Researcher. I love working where technology meets media in novel ways. Once, I even won an Emmy for digital innovation doing that. Be it for a small but exciting campaign about underground electronic music collectives or for a monster project combining two movies, various 360° videos, 72 ARG-like mini puzzles, and a Unity game, all wrapped up in one cross-platform app – I have proven my ability to adapt to what is required. This passion for novel technologies has regularly allowed me to cross paths with tech startups – an industry and philosophy I am all set to engage with more. I intensely enjoy balancing out my practical work with academic research, teaching, and consulting. Also, I have a PhD in Creative Industries, a M.Sc. in Business Administration, and love to kitesurf.

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